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Theologica Catanica von Peter Gustav Bartschat

Klöster, Kirchen und Bischöfe, die neuerdings sogar einen Sitz haben und Kirchenfeste veranstalten ...

... da taucht die Frage auf, woran die Cataner eigentlich glauben. Zwar steckt die Catanische Religionswissenschaft (wie alle geisteswissenschaftliche Ansätze auf unserem Archipel) noch in den Kinderschuhen, aber einige erste Erkenntnisse liegen doch schon vor.

In der Pionierzeit Catans, als die Natur noch weitestgehend unberührt war, als einsame Siedlungen in die Wildnis lagen, von denen nur wenige zu Städten anwuchsen, als aufrechte Ritter und (mehr oder weniger) ehrliche Händler den Ton im Alltag angaben, war die Religion der Cataner einheitlich und verhältnismässig einfach strukturiert.

Sie glaubten an zwei Götter, die in elf Personen in Erscheinung traten. Abhängig von Natur und Umwelt, wie die Cataner damals noch waren, schrieben sie ihren Göttern - beziehungsweise deren Personen (ein Unterschied, der dem theologisch ungebildeten Laien nicht ohne weiteres einleuten mag) - die Ergiebigkeit der Bodenschätze und die Fruchtbarkeit der Ernten zu.

Ähnliche Beziehungen finden wir oft in den Weltreligionen (wobei die Monotheisten dazu neigen, die Zuständigkeit für Rohstofferzeugung einfach von mehreren Göttern auf mehrere Heilige zu übertragen, die dann dem einen Gott hierarchisch unterstellt sind). Die Einzigartigkeit des Catanischen Glaubens liegt nun darin, dass die verschiedenen Personen der beiden Götter keineswegs für verschiedene Rohstoffe zuständig ist, sondern dass jede Person zwar jeden Rohstoff erzeugt, aber in unterschiedlicher Ergiebigkeit.

Die Cataner haben den - übrigens durchgehend femininen - Erscheinungsformen ihrer beiden - scheinbar widersprüchlicher Weise maskulinen - Göttern Zahlenwerte zugeteilt. Dabei ließen sie "Die Eins" aus, so dass die erste Person von den elfen "Die Zwei", die letzte "Die Zwölf" genannt wird.

Eine Hierarchie ist dabei nicht zu erkennen, sind die am eifrigsten fruchtbringenden Personen doch "Die Sechs" und "Die Acht", während die niedrigste und die höchste Namenszahl die gleiche Fruchtlosigkeit teilen.

Zusätzlich fällt auf, dass eine dieser Personen den Menschen gegenüber eine gewisse Feindseligkeit aufweist und ausschließlich (vielleicht dem griechischen Hermes vergleichbar) die sich auf unlautere Weise bereichernde Unterwelt des Catanischen Archipels begünstigt.

Das Leben auf Catan war nicht leicht, aber zumindest wussten die Pioniere einigermaßen, woran sie mit ihren beiden Göttern waren.

Doch dann wurde die erste Universität gebaut, bald drängte eine neue Generation von intellektuellen Theoretikern in die entscheidenden Positionen von Politik und Wirtschaft, und folgerichtig geriet das bislang so eindeutige Weltbild aus den Fugen. Statt sich um Dreifelderwirtschaft und Buchdruck zu kümmern, zogen die Studenten die althergebrachten Werte in Zweifel, bis sich schließlich in der "Schule der theologischen Stochastik" eine mächtige Gegenbewegung zum alten Catanischen Glauben formte.

Die "Theologischen Stochastiker 1)" lehrten, dass es zwar in der Tat zwei Götter gebe, diese aber sechsunddreissig Personen besäßen, von denen jede wiederum auf eine nicht vorhersagbare Weise von beiden Göttern gemeinsam geformt würde. Und sogar sechs von diesen Personen waren den Menschen gegenüber feindselig eingestellt - offenbar ein wesentlich schlimmers Verhältnis als zuvor.

Es kam zum sogenannten "Ersten Catanischen Schisma 2)", unter dessen Folgen wir bis heute zu leiden haben: Bürgerkriege vernichten unsere Ritter und Flotten, der Bischof, der uns gestern noch gegen Räuber und Pyromanen Beistand leistete, spricht heute den Kirchenbann über uns oder lässt gar die Flammenkreuze der Inquisition in unseren Fürstentümern lodern!

O tempora! O mores! Wo soll das enden?! Fast ist man geneigt, jeden neue Überfall der gierigen Barbaren aus dem Norden zu begrüssen, schließt er doch zumindest vorübergehend die verfeindeten Fraktionen zum alten festen Bunde zusammen.

Die Kommerzialisierung der Catanischen Kirche

Es soll hier nicht die "gute alte Zeit" hinter dem Ofen hervorgelockt und vor der gähnenden Jugend als ungeliebtes Beispiel glorifiziert werden, und es schwingt auch keine Agrarromantik mit, wenn ich die These aufstelle:

Die Catanische Kirche hat sich von den seelsorgerischen Aufgaben der Pionierzeit selbst losgesprochen und ist zu einer rein kommerziellen Organisation verkommen.

Die Klöster unseres Archipels wurden einst als Horte des Wissens weithin gerühmt. Ja, Historiker stellten sogar fest, dass das durchschnittliche Gesamtwissen eines Catanischen Fürstentums allein durch Einrichtung eines einzigen Klosters um dreiunddreißig Prozent gesteigert werden konnte!

In den Kirchen - die sich zugegebenermaßen wegen der hohen Baukosten und des Platzbedarfs nur wenige Catanische Städte leisten konnten - predigte der Klerus die alten Tugenden von Frömmigkeit gegenüber den Elf (seit dem Ersten Großen Catanischen Schisma auch gegenüber den Sechsunddreißig) und Treue gegenüber dem Lehnsherren. Tatsächlich gelang es mehr als einmal, die fürchterlichen Folgen der zahlreichen Bürgerkriege einzuschränken, in Einzelfällen sogar ganz zu vermeiden - mit nichts als der Hilfe einer Kirche.

Die Catanischen Bischöfe reisten ohne festen Sitz umher, verweilten eine Zeitlang in diesem Fürstentum, dann in jenem; aber immer waren sie hellwach und bereit, sofort einzuschreiten, wo es galt, einer Räuberbande ins Gewissen zu reden oder einen von fremden Mächten aufgehetzten Pyromanen in die Heimat zurückzusenden.

Doch was ist daraus geworden?! Zunächst fällt der verschwenderische Umgang der Bischöfe mit den ihnen anvertrauten Kirchenschätzen auf. Die Bischöfe, von denen einige der Mühsal des Umherreisens entsagt haben, um sich in prächtigen Sitzen inmitten der blühenden Städte niederzulassen, zahlen mit blankem Gold dem Fürsten zurück, was er eigentlich aus selbstloser Frömmigkeit hätte in die Errichtung des Bischofssitzes investieren sollen.

Wo nehmen diese Bischöfe das Gold her? Sicher aus den Taschen der Reichen, indem sie ihre Bettelmönche durchs Land schicken. Soweit ist ihr Verhalten in Ordnung, denn wer viel besitzt, wird dem Bedürften gern etwas abgeben - nur mag hin und wieder eine kleine Erinnerung an diese Ehrenpflicht nicht schaden.

Etwas völlig anderes, geradezu eine Pervertierung aller Kirchengebote, ist aber der Umgang mit dem Kirchenbann! Ursprünglich einzig als theologisches Druckmittel gegen finstere Gestalten wie Raubritter und Barbaren gedacht, wird er heute nur noch eingesetzt, um durch bösartige Belästigung den davon betroffenen Fürsten zu zwingen, eine hohe Summe Goldes - für die ärmeren Fürstentümer oft ihr gesamtes Vermögen, für die Reicheren immerhin noch bis zur Hälfte - an die Kirche zu zahlen, damit das Geschäftsleben wieder seinen gewohnten Gang gehen kann.

O tempora! O mores! Ist es da ein Wunder, wenn man in letzter Zeit wieder viele Cataner auf dem Weg zu nächtlichen Treffen in den fast vergessenen Heiligen Stätten sieht?

Der Kult des Spielenden Gottes

Als Gegenströmung zu der eher materialistischen Weltanschauung, die durch Einflussnahme der Götterwelt auf Bodenergiebigkeit und Ernteerträge eine unmittelbare Beziehung zwischen der transzendenten 3) und der materiellen Welt postuliert, etabliert sich seit einiger Zeit eine neue Lehre, die mit dem Begriff "Der Kult des Spielenden Gottes" bezeichnet wird.

Dieser Kult - man mag ihn auch eine Sekte nennen - besitzt keine Gotteshäuser und keine Priester, er wird nur im Geheimen von einem Adepten 4) zum anderen weitergetragen. Von den etablierten Catanischen Kirchen wird er mit derselben Entschlossenheit verfolgt wie von den Catanischen Fürsten; und denkt man über seinen Glaubensinhalt ernsthaft nach, statt ihn von vornherein mit einem Schulterzucken als Humbug abzutun, wird dessen wirkliche Gefährlichkeit schnell klar.Dieser Kult - man mag ihn auch eine Sekte nennen - besitzt keine Gotteshäuser und keine Priester, er wird nur im Geheimen von einem Adepten 4) zum anderen weitergetragen. Von den etablierten Catanischen Kirchen wird er mit derselben Entschlossenheit verfolgt wie von den Catanischen Fürsten; und denkt man über seinen Glaubensinhalt ernsthaft nach, statt ihn von vornherein mit einem Schulterzucken als Humbug abzutun, wird dessen wirkliche Gefährlichkeit schnell klar.

Um so seltsamer muss es anmuten, dass dieser Kult gerade unter den Fürsten überzeugte Anhänger hat, die ihrerseits aber wiederum alles tun, um seine Ausbreitung unter Bürgern und Bauern zu verhindern.

Seltsam? Werfen wir - natürlich nur unter rein akademischen Gesichtspunkten, keinesfalls als Apologeten 5) - einen Blick auf die Glaubensinhalte:

Die Adepten des Kultes sind überzeugt (woher sie diese Überzeugung auch immer nehmen mögen), dass keineswegs die Zwei Götter die höchste Instanz des Universums - oder auch nur Catans - seien, dass sie vielmehr eine verschwindend geringe Macht ausüben im Vergleich zu einem Demiurgen 6), der das gesamte Catanische Archipel samt den Zwei Göttern und deren Personen in einem ... man wagte diese Absurdität kaum aufzuschreiben ... Kellerraum erfunden haben soll.

Wenn dieser Demiurg nun so hoch über allem anderen steht, wie sein Kult glaubt, sollte es dann nicht unmöglich sein, auch nur seinen Namen zu kennen? Wenn er es als ein Einziger seiner Art denn überhaupt nötig hätte, einen Namen zu führen? Gerade hier ist eines der stärksten Argumente gegen die Lehre des Kultes zu finden, geben seine Anhänger ihrem Demiurgen doch einen völlig profanen Vornamen, wie er auf den Gassen unserer Städte gleich im Dutzend zu finden ist.

Doch das Ausmaß der inneren Logik einer Glaubenslehre war noch niemals relevant für die Geschwindigkeit seiner Ausbreitung.

Und gerade diese Lehre birgt eine große Gefahr in sich: Wenn alle Cataner nur Erfindungen eines Spieler sind, woher sollte dann ihr Ansporn kommen, für ihren Fürsten Flotten und Karawanen auszurüsten, Burgen und Städte zu errichten, Ritter und Bauernheere auszurüsten? Wenn wir nur Figuren in einem Spiel sind, sind wir dann nicht a priori jeder Verantwortung und zugleich auch jeder Motivation enthoben?

O tempora! O mores! Sollte diese Irrlehre beim einfachen Volk Verbreitung finden, dann werden wir bald vor den Trümmern unserer Zivilisation stehen: Die Kinder werden den Eltern nicht mehr gehorchen, die Burgfräulein werden sich ihre Ritter selbst aussuchen wollen, und aus den kulturgeweihten Hallen unserer Theater wird laute Musik zu stampfenden Rhythmen ertönen!

(Gustav der Bär)

Glossar
1) Stochastik: Gebiet der Statistik, das sich mit zufallsbedingten Ereignissen beschäftigt
2) Schisma (sprich: Skisma): Kirchenspaltung
3) transzendent = jenseits der Grenzen des Erkenn- oder Erfahrbaren liegend
4) Adept = in eine Geheimlehre Eingeweihter
5) Apologet = Verbreiter/Verteidiger einer Lehre
6) Demiurg = erschaffender Gott

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