R. Catanische Trivia

Wo liegt Catan?

Catan ist eine fiktive Insel. "Fiktiv" heißt "erdichtet", "ausgedacht". Das bedeutet: Es gibt auf unserer alten Kugel keine Insel namens "Catan", und es gibt auch keine Insel, die anders heißt, und in Buch und Spiel sozusagen von Catan "gedoubelt" wird.

Und doch ... manchmal juckt es einen in allen Fingern und man fragt sich: "Wo wäre bloß Catan, wenn es Catan gäbe?"

In Rebecca Gablés Roman Die Siedler von Catan wird auf den ersten gut 200 Seiten die Vorbereitung und Durchführung einer Reise nach Catan erzählt, und daher werden wir – trotz aller gezielten Mehrdeutigkeit und Auslassungen – am ehesten in diesen Passagen fündig, wenn wir uns auf die Suche nach topographischen Indizien machen, um die Position Catans zu identifizieren.

Lassen Sie uns also gemeinsam die Auswanderer aus Elasund auf Ihrer Reise von Skandinavien nach Catan begleiten, aber anders als im Roman, in dem die Personen und ihre Schicksale uns früh in Bann ziehen, wollen wir das in diesem Artikel sozusagen von oben herab machen, um zu sehen, welchen Weg sie nehmen.

Sollten Sie bereits Block und Bleistift bereit gelegt haben, weil Sie in Erwägung ziehen, segelnd den Spuren der Elasunder zu folgen, lassen Sie sich vor der letzten Etappe warnen: Man muss sich dabei nämlich auf Hoher See von einem Sturm packen und tage-, ja, wochenlang durchschütteln und von Brechern peitschen lassen.


Wo wollten die Auswanderer hin?

Als die Bewohner der skandinavischen Ortschaft Elasund sich, von feindlichen Überfällen und Missernten gebeutelt, entschließen, in freundlichere Gefilde auszuwandern, wählen sie sich eine Insel zum Ziel, von der ihnen der Fernkaufmann Olaf erzählt, weil es ihn auf einer früheren Reise bereits einmal dorthin verschlagen hatte. Diese Insel nennen sie nach dem Mann, durch den sie Kunde von der verlockenden Insel erhalten haben, "Olafsland"; von Catan ist zunächst keine Rede, und Catan ist auch definitiv nicht gemeint.

Über den Weg nach Olafsland, den die Auswanderer zu nehmen planen, erfahren wir im Roman aus Olafs Vorschlag – heute würden wir "Projektpräsentation" dazu sagen – folgendes:

    Wir fahren erst einmal zu den Kalten Inseln nordöstlich vom Schottenland. [...]
    Dann nordwestlich um Britannien herum. [...] Von dort schnurgerade nach Süden, etwa zwei Tage, bis wir das westliche Horn des fränkischen Landes sichten. Da verlassen wir die Küste und halten nach Südwesten. [...]
    Den Südwestkurs halten wir etwa vier Tage. Dann sollten wir auf den Sturm treffen.
    (Quelle: Rebecca Gablé: Die Siedler von Catan. Der Roman. Ehrenwirth Verlag, Bergisch-Gladbach 2003. ISBN 3-431-03019-X. Seite 145)
Und was passiert dann, wenn einen der Sturm erwischt und man´s überlebt? Das hat uns und unseren Abenteuern bereits eine Weile vorher Olafs Neffe Osmund erzählt:
    Auch Olaf weiß nicht genau, wo dieses Land, diese Insel liegt. Er hat sie zufällig gefunden, als ein Sturm ihn vom Kurs abgebracht hat. Ein mächtiger Sturm, der zwölf Tage dauerte. [...] Der Weg dorthin ist also vollständig unbekannt. Nur wenn wir den Sturm wiederfinden, können wir auch die Insel finden. [...]
    Sie liegt irgendwo südwestlich des Frankenlandes. [...] Das heißt, die Winter sind kurz und mild. Die Erde ist fruchtbar – man kann zweimal im Jahr ernten. [...]
    Aber das Volk dort ist friedfertig und nicht sehr zahlreich. Die einzigen Waffen, die sie haben, sind die, welche sie zum Jagen und Fischen benutzen. Es wäre ein Kinderspiel, ihnen ihr Land zu nehmen und sie zu versklaven.
    (a.a.O. Seite 66 – 67)
Das klingt alles ganz vielversprechend – außer für die Eingeborenen.

Bis zum "Horn des fränkischen Landes" können wir den Kurs der Elasunder Flottille noch mit Leichtigkeit rekonstruieren: Das fränkische Land ist das heutige Frankreich, das im 9. Jahrhundert tatsächlich noch das "Reich der Franken" war - wenn auch bereits ein zersplittertes Reich, aufgeteilt zwischen drei rivalisierenden Enkeln Karls des Großen.

Mit dem "Horn" ist der westlichste Punkt Frankreichs gemeint, der sich auf eine Landzunge bis zum 5. Grad westlicher Länge erstreckt. Diese Landschaft heißt heute Bretagne. Zur Zeit unserer Reisenden war das "Horn" zwar kein eigentlicher Bestandteil des Reichs der Franken, sondern ein kleines, autonomes Königkreich - aber Osmunds Schilderung ist eher eine geographische Beschreibung als ein politologischer Vortrag. Wenn man, wie Olaf plante, von Norden kommend zwischen England und Irland hindurch südwärts segelt, trifft man jedenfalls genau auf die Bretagne.

Fährt man von dort aus südwestlich weiter, knallt man nicht etwa gegen Spanien – wie es auf einigen Landkarten aussieht – sondern passiert den nordwestlichsten Punkt Spaniens auf Hoher See außer Sichtweite.

Jetzt kommt der Sturm ins Spiel:

Die vorherrschenden Winde im Frühjahr auf dem Atlantik sind die nordöstlichen Passatwinde. Ein nordöstlicher Wind ist ein Wind, der von Nordosten kommt: Er treibt die Schiffe also nach Südwesten – praktisch in genauer Verlängerung des eingeschlagenen Kurses.

Südwestlich, weit draußen im Ozean, befinden sich die Azoren. Die Azoren liegen zwischen dem 36. und dem 39. Grad nördlicher Breite: Also in derselben Klimazone wie Mallorca und Sizilien. Die Erwartungen an ein mildes Klima würden dort durchaus erfüllt – gesetzt den Fall, man kommt im Frühjahr dorthin, was Olaf anscheinend so gegangen war.

Dennoch kommen die Azoren als das angesteuerte Olafsland nicht infrage: Sie waren im 9. Jh. noch unbewohnt. Erst im 15. Jh. wurden sie von Portugiesen besiedelt. Die Portugiesen fanden die Inseln unbewohnt vor; dort hätte Olaf also keine Einwohner antreffen können. (Wir wollen die Azoren dennoch nicht vergessen, denn sie werden gleich noch eine größere Rolle spielen; sozusagen als Inselkette in einer Indizienkette.)

Suchen wir nach einer Inselgruppe im Atlantik, die im 9. Jahrhundert bereits bewohnt, deren Existenz aber nicht bekannt war (außer bei den Einwohnern, aber die lässt man bei solchen Überlegungen gern weg), werden wir weiter südlich fündig:

Wenn der Sturm Olafs Schiff stärker nach Süden abgetrieben hätte, als nach der vorherrschenden Windrichtung eigentlich zu erwarten, hätte er auf den Kanaren landen können, eine Inselgruppe vor der Westküste Afrikas, zwischen dem 27. und 30. Grad nördlicher Breite. Die Kanaren wurden bereits einige Jahrhunderte vor Christi Geburt besiedelt, wahrscheinlich von zwischen dem 5. und 1. Jh. v. Chr. eingewanderten iberischen Kelten. Da es zwischen den Inselbewohnern und dem Kontinent über Jahrhunderte keine Kontakte gab, wäre dort die technologische Rückständigkeit zu erwarten, die es so einladend macht, den Einwohnern ihr Land zu nehmen und sie zu versklaven.

Unser Olafsland haben wir also vermutlich gefunden. Fehlt uns noch Catan.


Wo kamen die Auswanderer an?

Sie kennen das, wenn Sie häufiger mit der Bundesbahn fahren: Wenn Sie einen wichtigen Termin haben, bleibt Ihr Zug mitten auf der Strecke stehen und das einzige, was Sie jemals über den Grund erfahren werden, ist eine krächzende Lautsprecherdurchsage, in der der Begriff "Störung im Betriebsablauf" vorkommt.

Schimpfen Sie nicht mit dem Schaffner, wenn Ihnen das passiert, sondern denken Sie daran, dass diese Kombination von Widrigkeiten im Verkehrswesen eine lange Tradition hat: Was heute für ICEs gilt, galt schon im 9. Jahrhundert für Stürme, speziell für die, auf die man glaubte, sich irgendwie verlassen zu können.

Die Elasunder kamen niemals zu den Kanaren, weil sie sozusagen den falschen Sturm erwischten. Sie gerieten zunächst in einen Sturm, der sie auf den Atlantik hinaus trieb, und dann...
    [...] mitten in der achten Nacht hörte der Sturm einfach auf.
    (a.a.O. Seite 199)
Zwölf Tage – wir erinnern uns – hätten es sturmfahrplanmäßig sein müssen. Anschließend stecken sie mehrere Tage in einer Flaute fest, dann werden sie von einem zweiten, noch viel stärkeren Sturm gepackt und schließlich unsanft bei einer unbewohnten Insel abgesetzt, der sie später den Namen Catan geben.

Da soll sich noch jemand merken können, wo sie sind! Die Kanaren sind es nicht, denn die sind ja bewohnt, die Azoren könnten es sein, denn die waren unbewohnt.

Allerdings waren sie im 15. Jahrhundert, als sie durch eine portugiesische Hochsee-Expedition entdeckt wurden, immer noch unbewohnt. Wenn wir optimistisch annehmen wollen, dass die Cataner nicht zwischen dem 9. und 15. Jh. komplett ausgestorben sind, kann Catan also keine Azoren-Insel sein.

Wenn wir weiterhin annehmen, dass beide Stürme der vorherrschenden Windrichtung folgten, und die Elasunder sind nicht auf den Azoren gelandet (das ist jetzt schon ein Satz wie aus einem VHS-Kurs in Aussage-Logik), dann muss während der mehrtägigen Flaute etwas passiert sein, das die Position der Flottille verändert hat.

Ein Segelschiff liegt bei Flaute ja nicht wirklich still, sondern es bewegt sich zusammen mit der Strömung, in der es sich befindet. Auf der Ostseite des Atlantik bewegt sich das Wasser entlang der sogenannten "thermohalinen Strömung", einer Strömung erwärmten Oberflächenwassers, parallel zu den Küsten Afrikas und Spaniens nach Norden, bis es in der Höhe Irlands auf den in östlicher Richtung verlaufenden Golfstrom trifft.

Diese thermohaline Strömung hätte also mehrere Tage lang die Flottille nach Norden driften lassen, und das in die ungefähre Richtung auf Irland zu, bevor der zweite Sturm sie wieder auf die See hinaus trieb, vermutlich ein ganzes Stück nördlich an den Azoren vorbei.

Nun ist nördlich der Azoren immer noch eine Menge Atlantik übrig, und viel klüger macht uns das noch nicht im Hinblick auf die Lage Catans. Denn Catan könnte doch praktisch überall im Nordatlantik sein, oder? Genau: Oder!


Der mittelatlantische Rücken

Wie kommen Inseln eigentlich dahin, wo sie sind? Und warum haben sie diese Neigung, sich zu Gruppen oder Ketten zusammenzufinden?

Da Inseln sich nicht auf dem Ozean herumtreiben und mal hier, mal da vor Anker gehen, werden sie wohl bis zum Meeresgrund reichen. Man kann sich Inseln gut als die Gipfel von Untersee-Gebirgen vorstellen, die über den Wasserspiegel hinausragen. Und da die ganz normalen alltäglichen Gebirge – die, die die ganze Zeit über Wasser sind, also – einen Berg neben dem anderen vorzuzeigen haben, ist das bei Untersee-Gebirgen auch nicht anders.

Wenn wir einen Blick auf die Landkarte werfen, finden wir mitten im Atlantik vom Norden bis zum Süden mehrere Inseln und Inselgruppen, die – mit etwas Fantasie – ein quer über den Globus reichendes Doppel-S formen.

Jetzt lassen wir für Sie mal kurz das Wasser aus dem Atlantik, damit Sie sich das genauer ansehen können ... Moment bitte ... erledigt. Und was sehen wir?

Richtig: Ein Doppel-S-förmiges Gebirge, dass sich etwa auf halbem Wege zwischen Europa und Afrika zur rechten und Amerika zu linken von der Arktis bis kurz vor die Antarktis zieht. Dieses Gebirge heißt ... na? .. genau: Mittelatlantischer Rücken.

Ein bisschen hier und ein bisschen da von ihm schaut oben aus dem Wasser raus (jedenfalls gleich wieder, wenn wir das Wasser wieder eingelassen haben) und bildet diverse Inseln und Inselgruppen wie zum Beispiel Island (bekannt durch seine Ponys und die Tatsache, dass dort Odinismus immer noch eine anerkannte Religion ist) im Norden, den Azoren (bekannt durch das gleichnamige Hoch aus dem Wetterbericht sowie durch diesen Beitrag) ziemlich in der Mitte und St. Helena (bekannt durch den unfreiwilligen Touristen Napoleon Bonaparte) im Süden.

Östlich und westlich davon gibt´s nur ... Wasser. Wir sehen also: Catan, fiktiv oder nicht, wird nicht irgendwo liegen, sondern sich vermutlich den geographischen Gegebenheiten beugen und durch einen Gipfel oder eine Gruppe von Gipfeln des nordatlantischen Rückens gebildet werden.

Werfen wir also alle Indizien in einen Topf, fügen nach Geschmack Spekulation sowie eine Prise Dreistigkeit hinzu, rühren kräftig um, lassen es für die Dauer dieses Artikels auf kleiner Flamme köcheln, dann erhalten wir ...

... Catan als eine Insel oder Inselgruppe des nördlichen mittelatlantischen Rückens zwischen dem 40. und 50. Grad nördlicher Breite und dem 15. und 30. Grad westlicher Länge. So groß ist das Gebiet schon gar nicht mehr. Das könnte man mit dem Paddelboot absuchen. Wenn man fünfzehnhundert Jahre Zeit hätte.

Letzte Gewissheit verschafft uns ein Blick auf eine detaillierte Weltkarte:


Ein Hexagon weit westlich von der Getreide-8 oder der Weideland-5
sollte Catan zu finden sein (bei Bedarf Lupe verwenden).

angehängte Dateien: Welt_Catan_2.jpg

Letzte Änderung des Artikels: 2006-08-27 14:08
Verfasser des Artikels: Peter Gustav Bartschat

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