R. Catanische Trivia
Die Namenspatrone der Ritter und Bürger im Catan-Kartenspiel
In einigen Fällen gibt es prominente Vorbilder – historischer oder literarischer Art – für namentlich auf den Karten des Kartenspiels vorkommende Personen; wir können aber wohl davon ausgehen, dass hier weniger die konkrete Anspielung im Vordergrund stand als der Gedanke, zeitgemäße Namen zu verwenden.
Es mag aber doch interessant sein, uns das eine oder andere "Vorbild" einmal etwas näher anzusehen, zumal sich da (vorausgesetzt, man sucht intensiv genug und nimmt´s nicht ganz so ernst) schon einige Beziehungen ergeben können. Wir laden Sie also ein, uns auf einer kurzen Zeitreise durch die catanische und außercatanische Geschichte zu begleiten.
3. Jahrhundert
Die Kapelle zu Heiligen Agatha kann man mit dem Themen-Set Künstler & Wohltäter errichten. Die Heilige Agatha steht gleich in zweifacher Beziehung zu Catan:
Der Legende nach lebte Agatha im 3. Jahrhundert in der Stadt Catania auf Sizilien und wurde Opfer der Christenverfolgungen des Römischen Stadthalters Quintianus.
Sei es Zufall oder der Fingerzeig eines Höheren Wesens: Die Dorfkirche in Bilstein, wo alljährlich im November das große „Siedler-Wochenende“ stattfindet, trägt ebenfalls den Namen der Heiligen Agatha.
8. Jahrhundert
Pippin der Kurze, Karl der Mächtige und Roland der Hammer finden ihre Namenspaten in der Fränkischen Adelsfamilie der Arnulfinger, der auch Karl der Große entstammte.
Der Name Pippin ist ein im frühen Mittelalter recht häufiger Fränkischer Name. Vater, Urgroßvater und Ur-Ur-Urgroßvater von Karl dem Großen hießen Pippin.
Karls Vater Pippin (ca. 715 – 768) taucht in verschiedenen deutschsprachigen Quellen als "Pippin der Kleine" auf, was allerdings eine Fehlübersetzung seiner Benennung in lateinischen Urkunden als "Pippin minor" (eigentlich: Pippin der Jüngere) ist. Natürlich gab es auch einen Pippin den Älteren (ca. 580 – ca. 640), in den Urkunden Pippin Maior genannt. Bei dem allerdings bedeutete Maior nicht unbedingt, dass er der Ältere war, sondern dass er das Amt des Maiordomus (etwa: Premierminister, in deutschen Urkunden "Hausmeier" genannt) am Hof der fränkischen Königs-Dynastie der Merowinger ausübte. Bei der Gelegenheit stellen wir auch gleich Pippin den Mittleren (ca. 640 – 714) mit vor.
Bei Karl dem Mächtigen drängt sich als Assoziation schnell Karl der Große (742 – 814) auf. Es könnte allerdings auch Karls Großvater gemeint sein, der ebenfalls Karl hieß (wir haben ja schon bei all den Pippins gesehen, dass Abwechslung in der Namensgebung keine Angewohnheit der Arnulfinger war) und der seit einem Sieg über die Araber , die von Spanien aus nach Mitteleuropa vorstießen, als Kart Martell (ca. 690 – 741) bekannt war. Martell heißt nichts anderes als "der Hammer". Hat vielleicht der Catanische Karl seinen Beinamen an den Catanischen Roland abgetreten?
Roland ist die hochmittelalterliche Schreibweise des Fränkischen Namens Hruodland; ein Hruodland war unter Karl dem Großen Markgraf der Bretagne und fiel 778 während eines Feldzugs Karls des Großen gegen ein Bündnis aus Arabern und Basken. Im 12. Jahrhundert entstand über die Taten des historischen Hruodland als Bearbeitung älterer Legenden das „Rolandslied“, in dem Roland als Neffe Karls des Großen vorgestellt wird. Die einzige ursprüngliche historische Quelle über Hruodland, die im 9. Jahrhundert entstandene Biografie Karls des Großen von Einhard, erwähnt keine verwandtschaftliche Beziehung.
12. Jahrhundert
Richard der Rächer ist in ein normannisch-französisches Kreuzfahrer-Gewand (mit rotem Kreuz auf weißem Grund) gekleidet wie Richard I. von England (1157 – 1199), genannt "The Lionheart" (Löwenherz), einer der Anführer des 3. Kreuzzugs. In populären britischen Legenden, speziell aus dem Robin Hood-Umfeld, erfreut sich Richard einer großen Beliebtheit. Vermutlich liegt das daran, das der historische Richard während seiner gesamten Regierungszeit kaum sechs Monate in England verbrachte: Er hatte also wenig Gelegenheit, dort unpopuläre Entscheidungen zu fällen.
Das überließ er seinem jüngern Bruder John Lackland (Johann Ohneland, 1167 – 1216), seinem Vertreter und Nachfolger auf dem Thron, der vielleicht einen halben Paten für Siegfried Ohneland abgibt (zum anderen halben Paten kommen wir im 13. Jahrhundert). John hatte den diskriminierenden Beinahmen "Ohneland" von seinem eigenen Vater, Heinrich II., bekommen. Die Gründe dafür sind nicht eindeutig, möglicherweise steht der Beiname in Beziehung zu einer von John angeführten gescheiterten Belagerung. Die für die Nachwelt wichtigste Tat Johns ist die Unterzeichung der "Magna Carta Libertatum" im Jahre 1215, mit der er der Reichsverfassung den Vorrang gegenüber dem Willen des Königs zubilligte: Eine der Wurzeln des modernen Rechtsstaates. (John selbst sah das vermutlich etwas anders, weil er nur unter Druck zur Unterzeichnung bereit war.)
13. Jahrhundert
Walther der Sänger hat wohl die stärkste Bindung an ein historisches Vorbild, nämlich an Walther von der Vogelweide (ca. 1170 – ca. 1230), den Minnesänger und Sinnspruch-Dichter, der sich auch nicht zu schade war, politische Propaganda gegen Entgelt in Verse zu kleiden: Schon damals mussten Autoren dafür sorgen, dass trotz aller Kunst der Schornstein rauchte.
Siegfried Ohneland (und jetzt kommen wir zu seinem zweiten halben Paten und Hagen der Unheimliche erinnern an ihre Namensvettern Siegfried von Xanten und Hagen von Tronje aus dem Anfang des 13. Jahrhunderts entstandenen Nibelungenlied:
Siegfried wird dort zwar als Sohn des Königs von Xanten eingeführt – aber zum einen gab es nie einen König von Xanten, zum anderen wird er im Verlauf der Handlung mehrfach als "Recke" bezeichnet. Ein Recke ist ein ursprünglich besitzloser Emporkömmling, noch heute kennen wir das Wort "sich recken", wenn man "nach oben" will.
Hagen, im Nibelungenlied der Mann fürs Grobe am Burgundischen Hof, wird mehrfach "der grimme Hagen" genannt, grimmig ist er also, unheimlich gradezu, was man auch seinem catanischen Namensvetter nachsagt.
Viele Versuche hat es gegeben, historische Ereignisse festzulegen, die Vorbild für das Nibelungenlied waren, aber abgesehen vom in zweiten Teil der Handlung auftauchenden Hunnenkönig Etzel (in früheren Fassungen der Sage "Atli"), in dem man Attila sieht, muss man schon recht kühne Schlenker machen, um einen Bogen zu konkreten Ereignissen schlagen zu können. Manche Geschichten sind einfach nur Geschichten, auch, wenn´s anders vielleicht spannender wäre.
15. Jahrhundert
Johanna die Kriegerin ist unschwer als Nachfahrin von Jeanne d´Arc (1412 – 1431) zu identifizieren. Die Legende – speziell die in Form von Historien-Filmen erzählte Legende – sieht Jeanne zunächst als Motivatorin des Regenten und späteren Königs Karl, dann als Amazonen-ähnliche Anführerin der französischen Armee im Kampf gegen die Engländer. Die historische Jeanne hatte keinerlei Einfluss auf militärische Entscheidungen während des Entsatz*-Feldzugs zur Brechung der Belagerung von Orleans; zudem ist es äußerst fraglich, ob sie auch nur den leisesten Einfluss auf die Entscheidung hatte, das Entsatzheer überhaupt zu entsenden. Karl begann Zeit seiner Regentschaft in jedem Frühjahr einen neuen Feldzug gegen die Engländer (er war alles andere als der unentschlossene Depressive der Legende), und nicht anders wird es auch im Jahr 1429 gewesen sein, als die Kämpfe um Orleans statt fanden, die im Zentrum der meisten Jeanne d´Arc-Erzählungen stehen. So konnte sich Jeanne wohl einem ohnehin ausrückenden Heer anschließen, Ursache seines Ausrückens war sie sicher nicht. Was stimmt, ist vermutlich die abergläubische Verehrung Jeannes durch die französischen Truppen, die ihr nachsagten, aus ihr sprächen die Stimmen diverser Engel und Heiliger; aber Jeanne als Kämpferin, als Strategin und Kommandantin gar, ist ein Bild, das dem kritischen Blick des Historikers nicht Stand hält.
Christoph der große Entdecker aus dem kurzlebigen Set der "Turnierkarten 2002" findet ein recht eindeutiges Vorbild in dem Genueser Kaufmann und Forscher Christoph Colon (1451 – 1506), in Lateinischen Dokumenten "Columbus" genannt, der im Auftrag der Spanischen Krone mehrere Forschungsreisen in den Süden Afrikas und in die Karibik unternahm und als Entdecker Amerikas gilt (ob letzteres zu Recht oder nicht, ist eine häufig gestellte Frage, deren Beantwortung einem Berufeneren überlassen bleiben soll).
Inzwischen ist Christoph zum Handelsherrn Christoph im Kartenset "Barbaren und Handelsherren" mutiert, scheint aber - wie die Spielregeln andeuten - sein Interesse an längeren Seereisen bewahrt zu haben.
16. Jahrhundert
Anton der Bankier kann als Anspielung auf den Augsburger Kaufmann und Bankier Anton Welser (1451 – 1518) gesehen werden, der zusammen mit seinem Bruder Bartholomäus eine Expedition ausrüsten ließ, um in Venezuela das legendäre Goldland "El Dorado" zu finden und zu besetzen – jedenfalls würde diese Beziehung gut zu der Gold-Thematik der "Turnierkarten 2002" passen, bei denen wir Anton zuerst antreffen. Auch er ist bei den Barbaren und Handelsherren wieder auferstanden, ist jetzt allerdings Kämmerer von Beruf, ein Leiter des behördlichen Finanzwesens also, der seinen früheren, abenteuerlichen Leben endgültig den Rücken zugekehrt hat.
Götz Eisenfaust erinnert an Götz (eigentlich: Gottfried) von Berlichingen (1480 – 1562), der eine Autobiografie mit dem Titel "Mein Fehd und Handlungen" (in hochdeutscher Übertragung als "Lebensbeschreibung des Ritters Götz von Berlichingen" als Reclam-Heft lieferbar) verfasste. Götz trug, seit er seine rechte Hand durch eine Schussverletzung verloren hatte, eine Prothese aus Metall.
Johann Wolfgang von Goethe entnahm Götzens schönfärberischen Autobiografie (das war vor einem halben Jahrtausend auch nicht anders als heutzutage) einige Passagen für sein Drama, dem – beziehungsweise einer ganz konkreten Stelle daraus – der historische Götz seine bis heute anhaltenden Popularität verdankt. Während Goethes Götz, ein unbeugsamer Rebell, in noch recht jungen Jahren in unrechtmäßiger Gefangenschaft stirbt, starb der historische Götz, den wir heute als notorischen Kleinkriminellen und gelegentlichen Gewalttäter klassifizieren würden, hochbetagt und durch unrechtmäßig erworbenes Gut wohlhabend geworden im Kreise seiner vielköpfigen Familie; im Drama machte sich wohl ein früher tragischer Tod des Helden besser.
20./21. Jahrhundert
Der populärste Falk von allen dürfte der Held der gleichnamigen Ritter-Comic-Serie von Hansrudi Wäscher sein. Und wenn wir schon bei Hansrudi Wäscher sind: In seiner anderen Ritter-Serie um den Helden Sigurd finden wir als ständigen Begleiter des Helden auch gleich noch einen Bodo.
Das Burgfräulein Imelda erinnerte mich dank meiner Erziehung in einem Katholischen Knabeninternat zuerst an die Heilige Imelda, die als Patronin über die Erstkommunion wacht, weil sie angeblich aus lauter Begeisterung über ihre eigene erste Kommunion sofort tot umgefallen ist. Zu dem, was die uns vertraute Imelda so treibt, lässt sich da aber keine Gemeinsamkeit finden.
Darum tippen wir hier ganz unspektakulär als Patin auf Imelda Vohwinkel, Gattin und Mitarbeiterin von Franz Vohwinkel, des catanischen Grafikers der ersten Stunde.
Osmund, Liebling des Volkes (Themen-Set Künstler & Wohltäter) erhielt seinen Namen von einem der Auswanderer, die in Rebecca Gablés 2003 erschienenem Roman „Die Siedler von Catan“ Mitte des 9. Jahrhunderts von Skandinavien nach Catan auswandern. Unter den drei Hauptpersonen Austin, Candamir und Osmund, deren Schicksale im Mittelpunkt des Romans stehen, verkörpert er den traditionellen Götterglauben, bei dem die Menschen von den Göttern in erster Linie praktische Unterstützung bei materiellen Dingen erwarten. Er bildet dabei den Gegenpol zum Mönch Austin, der für das sich ausbreitende Christentum steht und einen Glauben vertritt, der sich erst im Jenseits auszahlt. Zwischen beiden steht der Pragmatiker Candamir, der immer dem Glauben zuneigt, von dem er sich persönlich den größten Nutzen erhofft.
(Es gab auch einen Heiligen Osmund, der im 11. Jahrhundert Wilhelm den Eroberer auf seinem Feldzug nach England begleitete und dort später Bischof von Salisbury wurde.)
* Entsatz: "Entsetzen" - heute meist im Sinne von "erschrecken" gebraucht - heißt wörtlich "in Bewegung kommen" (im Unterschied zu "sitzen bleiben").
Militärisch wird "entsetzen" bereits seit dem Mittelalter im Sinne von "aus einer umzingelten Stellung befreien" verwendet (im Unterschied zu "besetzen" = "in eine Stellung einmarschieren").
Ein "Entsatz-Feldzug" ist also ein Feldzug mit dem Ziel, eine umzingelte bzw. belagerte eigene Einheit zu befreien; hier konkrekt die von englischen Truppen belagerte Stadt Orleans
Letzte Änderung des Artikels: 2006-05-14 20:40
Verfasser des Artikels: Peter Gustav Bartschat
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