R. Catanische Trivia

Wo kommen die catanischen Ritter her?

Einige Regelfragen beim Spiel mit der Städte & Ritter-Erweiterung wie „Darf ich einen Ritter auf eine freie Meereskreuzung bauen, wenn ich ein angrenzendes Schiff besitze?“ und  Darf ich einen Ritter auf eine freie Kreuzung zwischen 2 Straßen einsetzen, an deren Ende 2 fremde Ritter stehen?“ führen gelegentlich zu Diskussionen darüber, ob es historisch korrekt oder logisch sei, dass ein Spielstein, der einen Ritter symbolisiert, in bestimmten Situationen neu eingesetzt oder nicht eingesetzt werden kann.

In diesem Zusammenhang werfen wir hier einen kurzen Blick auf einige ritterliche Themenkomplexe – nicht ausschließlich unter dem Gesichtspunkt der regelkonformen Auflösung kniffeliger Spielsituationen.

1. Wie ist das Rittertum entstanden?

Die Anfänge eines Rittertums mit Rechten und Pflichten liegt in der Zeit der römischen Republik. Die Römer unterschieden zwei große Gruppen von Adligen:

- Die „Patres et conscripti“, die höhere Adelsgruppe, die aus Großgrundbesitzern bestand und den Senat stellte. Die „Patres“ (Väter) waren die Angehörigen alter Adelsfamilien, deren Ursprung sich im Dunst der Vergangenheit verlor; die „Conscripti“ (Die in einer Liste verzeichneten) waren die Angehörigen der Adelsfamilien, bei denen der Zeitpunkt der Aufnahme in das Adelsregister noch bekannt war. Aufgabe der „Patres et conscripti“ war Aufstellung, Finanzierung und Unterhalt der römischen Infanterie-Einheiten.

 - Die  „Equester“ (Berittenen), die überwiegend aus wohlhabenden Kaufleuten in Großstädten bestanden. Ihre Aufgabe war Aufstellung, Finanzierung und Unterhalt der Kavallerie-Einheiten.

Da die Infanterie im römischen Heereswesen die dominante Rolle spielte, versuchten Väter aus einflussreichem Hause lieber, ihre Söhne eine Karriere in der Infanterie machen zu lassen: Wer kein Soldat gewesen war, hatte in Rom keine Chance auf eine politische oder wirtschaftliche Karriere.

In der Spätzeit des römischen Reiches und im Frühmittelalter veränderte sich die Bedeutung von Infanterie und Kavallerie: Durch die Erfindung des Steigbügels, der erstmals einen wirklich sicheren Halt ermöglichte, und die Verbesserung leichterer, beweglicherer Körperpanzer gewann die Kavallerie mehr und mehr an Bedeutung als die Schlachten-entscheidende Einheit. Ausbildung und Unterhalt eines gepanzerten Reiters sind allerdings ganz erheblich höher als der Einsatz eines – meist wehrpflichtigen – Infanteristen.

Aus dieser ursprünglichen Finanzierungsfrage entwickelte sich im Frankenreich des Frühmittelalters das Lehnswesen: Ein Mann erhielt die Einkünfte aus Bauernhöfen oder anderem Besitz des Reiches zur Verfügung gestellt und musste sie dazu verwenden, sich selbst als gepanzerten Reiter einsatzbereit zu halten und eine Anzahl wehrpflichtiger Begleiter stellen zu können. Die Ländereien wurden „Lehen“ genannt, da sie nicht in das Eigentum des Kämpfers übergingen, sonder ihm nur geliehen waren, und der berittene Kämpfer war ein „Ritter“, also ein Reiter.

2. Wie wird der Ritter zum Ritter?

Die Ernennung zum Ritter wurde im Mittelalter zunächst nur vom König, später auch von dazu bevollmächtigten Reichsfürsten, durch einen formalen Akt vollzogen, der gemeinhin „Ritterschlag“ genannt wird. Ein eigentlicher Schlag ist damit nicht verbunden – auch wenn es einige hübsche Geschichten über „die letzte Ohrfeige“ gibt, die der junge Ritter angeblich erhalten haben soll – entscheidend war die Berührung mit dem Schwert vor Zeugen.

Wer zum Ritter geschlagen wurde, hatte ab sofort die Pflicht, sich als Panzerreiter zur jederzeitigen Verfügung zu halten, und begleitende Wehrpflichtige mitzubringen. Wie er das finanzierte, war zunächst seine Sache: Die Verleihung eines Lehens war nicht zwangsläufig mit dem Ritterschlag verbunden.

Da die Erhebung in den Ritterstand auch die Basis für eine zukünftige Karriere war, ergab es sich fast zwangsläufig, dass Söhne von grundbesitzenden Adeligen wesentlich leichter zum Ritter geschlagen werden konnten, als arme Schlucker, selbst wenn letztere vielleicht die besseren Kämpfer waren.

Der Ritterschlag erfolgte im Hochmittelalter für  Adelige meist routinemäßig am Ende einer Ausbildung als Page und Knappe, wenn die Finanzierung des späteren Lebens als Ritter gesichert war – genau so gut kam es aber auch vor, dass Knappen es vorzogen, nicht zum Ritter geschlagen zu werden, wenn sie weder eigenes Vermögen noch ein Lehen in Aussicht hatten, oder dass Männer aus dem Bürgertum, die sich im militärischen Einsatz bewährt hatten, den Ritterschlag (dann meist kurz nach Ende der Kampfhandlungen und noch auf dem Schlachtfeld) erhielten.

3. Was stellt eine catanische Ritterfigur dar?

Stellt sie tatsächlich ein Individuum, also eine einzelne Person dar?

Beim Kampf gegen die Barbaren hätten die Cataner vermutlich nicht mehr Chancen als ein Schneeball in der Hölle, wenn die gesamte Kopfstärke ihrer Armee nur der Anzahl der aufgestellten Ritterfiguren entspräche.

Wir können uns daher vorstellen, dass eine Ritter-Figur stellvertretend für eine ganze Kampfeinheit (im Mittelalter „Lanze“ oder „Glefe“ genannt) steht, die von einem Ritter angeführt wird, und dass die Stufe des Ritters stellvertretend für den ganzen Komplex aus Anzahl der Kämpfer, ihrer Bewaffnung, Erfahrung und Motivation und der Führungskompetenz des Ritters steht.

Das lässt es dann – und jetzt schließen wir unseren Bogen zurück zu konkreten Spielsituationen – auch einsichtig erscheinen, weshalb Ritter an abgelegenen Stellen des eigenen Wegenetzes neu entstehen können, selbst wenn sie von gegnerischen Ortschaften und Rittern umgeben sein sollten: Die Personen, um die es da geht, könne sehr wohl schon vorher dort gewesen sein, aber erst, wenn sich eine Gruppe von Kämpfern unter der Leitung eines Ritters zu einer Truppe formiert, werden sie durch Aufstellen einer Ritterfigur dargestellt. Vorher waren sie – gleich all den Holzfällern, Webern und Fuhrknechten, die sich ja auch irgendwo tummeln müssen, damit die catanische Wirtschaft funktioniert – zwar vorhanden, aber noch nicht Gegenstand unserer Aufmerksamkeit.

Letzte Änderung des Artikels: 2006-04-29 10:03
Verfasser des Artikels: Peter Gustav Bartschat

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